Jutta Ditfurth: Zeit des Zorns. Warum wir uns vom Kapitalismus befreien müssen

Vorwort

Titelbild Jutta Ditfurth: ZEIT DES ZORNS. Warum wir uns vom Kapitalismus befreien müssen


Jutta Ditfurth

ZEIT DES ZORNS.
Warum wir uns vom Kapitalismus befreien müssen
Frankfurt am Main: Westend Verlag 2012

Printausgabe:
1. Aufl., 298 Seiten
ISBN: 978-3-86489-027-7
16,99 €

e-Book:
Format: Kindle Edition
Dateigröße: 614 KB
ASIN: B0093O7WQE
12,99 €

Vorwort
»Reportage von den Schlachtfeldern des Kapitalismus«

Mit diesem Buch reise ich in Länder, in denen ich einmal war, um herauszufinden, was die gegenwärtige Weltwirtschaftkrise für die Menschen dort bedeutet: für die Flüchtlingsfrau aus der Westsahara, für die Fischer und Baumwollarbeiter am kasachisch-usbekischen Aralsee, für chinesische Wanderarbeiter, für Menschen in einem afroamerikanischen Wohnviertel im Rustbelt der USA, für die Schülerin in Griechenland.

Es geht mir darum herausfinden, wie Menschen in aller Welt sich gegen den Kapitalismus wehren, um ein glückliches, freies Leben unter Gleichen zu führen, und was ihre Gegner tun, um sie niederzuwerfen.

Ich berichte von Konfrontationen mit den Profiteuren des Elends: dem Chefvolkswirt der Deutschen Bank, der sich weigerte, Tausende von Zwangsräumungen in den USA einzugestehen, welche doch in Wirklichkeit die Weltwirtschaftskrise auslösten; von der US-amerikanischen Tea-Party, welche unter »Power to the People« die Vernichtung der Gewerkschaften versteht; von der Sehnsucht deutscher Konzerne nach ein bißchen Diktatur und vom sonderbaren Verständnis »unseres« Bundespräsidenten Gauck von »Freiheit« und »Verantwortung«, das zu mehr deutschen Kriegen in aller Welt führt.

Ich untersuche, wie wir mit einer Flut von Informationsschrott davon abgehalten werden, die Welt zu verstehen, damit wir die Gesellschaft verändern können, in der wir leben. Aber wir erfahren eher die Körbchengröße einer Schauspielerin als die Verbrechen deutscher Konzerne in aller Welt. Wieder einmal wird deutschnationales Denken geschürt, um von der Krise abzulenken und auf Kriege vorzubereiten.

Dieses Buch ist alles andere als ein Reisebericht. Es ist vielmehr eine Reportage von den Schlachtfeldern des Kapitalismus in aller Welt – auch in Deutschland, diesem sozial so tief gespaltenen Land. Einem Land, in dem sich Kinder- und Altersarmut ausbreiten wie eine ansteckende Krankheit, in dem die bestmögliche Bildung und Gesundheitsversorgung in zunehmendem Maße nur noch Minderheiten zur Verfügung steht. Einem Staat, in dem der Rassismus blutige Früchte trägt, und einem, in dem mit Peitsche oder Zuckerbrot versucht wird, jeden Gedanken an gesellschaftliche Alternativen zu ersticken.

Die soziale Lage einer großen Zahl von Menschen ist durch die Weltwirtschaftskrise wesentlich verschlechtert worden, während winzige »Eliten«, ganz besonders auch in Deutschland, in ungeheurem Maße von der Rezession und vom Elend anderer profitieren. An einer Stelle dieses Buches sagt der US-Milliardär Warren E. Buffett, der drittreichste Mann der Welt: »Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.« Er sagte das 2006, kurz vor der Weltwirtschaftskrise, in einem Interview mit der New York Times. Er meinte es nicht einmal aggressiv. Buffet benannte nur die nackte Tatsache: Die kapitalistische Produktionsweise beschädigt und ruiniert das Leben der Mehrheit der Menschen.

Und sie zerstört die Natur: Wir sehen überall in der Welt neue Angriffe auf die ökologischen Lebensgrundlagen der Menschen. Fruchtbares Ackerland in aller Welt wird in Agrospritplantagen verwandelt, Landschaften werden hemmungslos nach Metallen durchgraben, der Boden der Ozeane ohne Kenntnis der Folgen angebohrt. Es tobt ein Wirtschaftskrieg um neue Beute am Nordpol. Radioaktiv verseuchte Wanderfische schwimmen dem Fukushima-Müll Richtung Kalifornien voraus.

Niemand kann sich dem Kapitalismus entziehen. Überall finden wir die einen »im Dunkeln, und die andern im Licht« (Brecht). Beim Versuch, das Augenmerk auf die Menschen im Schatten zu richten, erzähle ich auch von den Lebensverhältnissen in Deutschland. Zum Beispiel davon, wie es in den letzten Jahren so außerordentlich erfolgreich gelingen konnte, Menschen der sogenannten Unterschicht zu stigmatisieren. Und wie erfolgreich die Profiteure dieser kapitalistischen Verhältnisse darin sind, die gesundheitsschädigenden und demütigenden Bedingungen, unter denen Menschen lohnarbeiten müssen, aus dem Licht der allgemeinen Wahrnehmung zu verdrängen. Die bundesdeutsche Gesellschaft ist eine zutiefst gespaltene Gesellschaft.

Was können wir tun, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern? Wir haben alle verschiedene Erfahrungen, kommen aus verschiedenen sozialen Milieus, sprechen verschiedene Sprachen, lieben unterschiedliche Musik und haben eine unterschiedliche Geschichte. Wie können sich diejenigen Menschen mit gleichen Grundwerten und politische Interessen finden – Menschen, die keine Schlupflöcher für sich allein suchen wollen, sondern sich mit den ganzen Verhältnissen nicht mehr abfinden wollen?

Wir sollten uns von unseren Lebensumständen und Erfahrungen berichten, klug streiten, um weiterzukommen, Schlussfolgerungen ziehen. Es gibt kein Weiterkommen ohne qualifizierte rücksichtslose Kritik, anders geht Denken nicht.

In diesem Buch wird auch eine kurze Geschichte des mehr als 30-jährigen internationalen Widerstandes gegen Weltwirtschafts- und G8-Gipfel erzählt, von Berlin und München nach Seattle, von Göteborg und Genua nach Heiligendamm. Lektionen, aus denen wir lernen können.

Fruchtbar ist es, sich gegenseitig auf den besten Stand der Information bringen. Für die kommenden politischen Auseinandersetzungen ist die Lage zu klären. Wir sollten die Voraussetzungen für unser Vorhaben kennen: Welches sind die inhaltlichen Fragen? Welche politischen Auseinandersetzungen sind nötig, welche überflüssig? Was lernen wir aus der Geschichte? Wie wehren wir uns heute? Leben wir überhaupt in einem demokratischen Rechtsstaat, der uns Protest und Widerstand gnädigerweise gestattet?

Mit wem gemeinsam und mit wem nicht? Warum ist der Reformismus eine Sackgasse? Welche Rolle spielen Linkspartei, Piraten und Occupy? Auch diese Fragen werden in diesem Buch behandelt.

Wie können wir zusammenkommen? Wie lernen wir zu verstehen, in welchem Land wir eigentlich leben? Wie können wir uns über all die (sub)kulturellen und Milieugrenzen, über Landes- und Sprachgrenzen hinweg zusammenrotten? Wie Angst überwinden?

Es sind viele Fragen, die in diesem Buch diskutiert werden. Die Zeit des Zorns ist auch eine Zeit zu denken, zu handeln, sich zu organisieren. Auch dazu finden sich Vorschläge in diesem Buch.

Und in allem geht es darum: Es macht sehr viel glücklicher, in einer Welt zu leben, die nicht von Ausbeutung, Hass, sozialer Not und Gewalt durchsetzt ist. Eine, in der die Menschen sozial gleich und deshalb wirklich frei sein können, so verschieden zu sein, wie sie wollen, und all ihre Fähigkeiten zu entfalten.

Jutta Ditfurth, im August 2012



Lesungen von Jutta Ditfurth
zu ihrem neuen Buch
ZEIT DES ZORNS


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